Bitternis ist ein Luxus

Der Speigel · January 26, 2004

SPIEGEL: Ms. Pearl, zwei Jahre sind seit der Ermordung Ihres Mannes Daniel vergangen. Wie geht es Ihnen?
 
Mariane Pearl: Ich erwarte nicht, dass mein Leben auf absehbare Zeit leicht sein wird oder auch nur normal. Schauen Sie, vor zwei Jahren habe ich mit Danny in Indien gelebt, und jetzt lebe ich mit Adam, unserem Sohn, hier in New York. An alles, was dazwischen passiert ist, muss ich mich erst gewöhnen. Ich glaube, dass dieses Gefühl der Unwirklichkeit noch lange anhalten wird. Die Normalität stellt sich ganz langsam ein. Es ist ein steter Kampf, und ich werde ihn gewinnen. Und was das Glück und ein schönes Leben angeht: Beides ist auch eine Sache des Willens und der Entschlossenheit.
 
SPIEGEL: Als Sie vom Mord erfuhren, so schreiben Sie in Ihrem Buch, sei Ihnen der Gedanke durch den Kopf gezuckt, die Terroristen seien die Verlierer. Angesichts der Nachricht vom Tod Ihres Mannes klingt dieser Satz merkwürdig.
 
Pearl: In dem Moment, in dem ich von Dannys Tod erfuhr, war dieser Gedanke meine Rettung. Er war eine Art Ablenkung. Heute stimmt dieser Gedanke immer noch. Ich weiß, was diese Leute erreichen wollen: Terroristen suchen symbolische Ziele, und natürlich war Danny ein solches Ziel. Und sie wollen ihren Feind lähmen: Sie wollten, dass seine Familie, seine Freunde, die Amerikaner, die Juden, eben alles, was man mit ihm verbindet, ein bisschen mit ihm stirbt. Sie töten den Lebenswillen. Sie morden Sehnsucht. Darin liegt die wahre Wirkung des Terrorismus. Meine Antwort darauf ist: Diese Terroristen werden ihr Ziel bei mir nicht erreichen. Ich verweigere ihnen diesen Triumph.
 
SPIEGEL: Am 23. Januar 2002 wurde Ihr Mann Daniel, der als Reporter für das "Wall Street Journal" gearbeitet hat, in Karatschi in eine Falle gelockt und entführt. Vermutlich am 1. Februar haben ihm die Entführer die Kehle bei laufender Videokamera durchgeschnitten. Wissen Sie inzwischen, wer der Mörder ist?
 
Pearl: Am 16. Oktober des vergangenen Jahres habe ich einen Anruf aus dem Weißen Haus bekommen. Man sagte mir,
Das Gespräch führten die Redakteure Joachim Preuß und Gerhard Spörl.
 
Chalid Scheich Mohammed, eine der zentralen operativen Figuren der Qaida, sei der Mörder meines Mannes. Er ist im März vergangenen Jahres den Pakistanern und dem FBI in die Hände gefallen.
 
SPIEGEL: Wer war der Anrufer aus dem Weißen Haus?
 
Pearl: Das will ich nicht sagen.
 
SPIEGEL: Hat Ihnen die Person am anderen Ende der Leitung gesagt, es gebe Beweise, dass Chalid Mohammed der Mörder sei?
 
Pearl: Nein. Es liegt weder ein Geständnis vor, noch ist es einem Journalisten gelungen, die Behauptung zu überprüfen. Das Weiße Haus schließt das offenbar aus Verhören mit gefangenen Terroristen. Danach soll Mohammed in Karatschi aufgetaucht sein und Danny dann getötet haben.
 
SPIEGEL: Sie erzählen das sehr distanziert. Glauben Sie dem Weißen Haus nicht?
 
Pearl: Meine Informanten, die mir damals in Pakistan geholfen haben und mit denen ich immer noch in Kontakt stehe, halten Mohammed nicht für den Mörder.
 
SPIEGEL: Wer kommt sonst in Frage?
 
Pearl: In Pakistan ist ein Mann namens Ahmed Omar Said Sheikh zum Tode verurteilt worden. Danny hatte sich mit ihm an diesem Tag im "Village Restaurant" verabredet, weil Sheikh ein Treffen mit Scheich Gilani, dem Führer der Sekte Jamaat al-Fuqra, in Aussicht gestellt hatte. Gilani soll eine wichtige Figur im pakistanischen Terrorismus sein. Danny wollte über ihn schreiben. Sie müssen sich die Situation im Januar 2002 vorstellen: Der Krieg gegen die Taliban ist gerade vorbei, die Jagd auf Osama Bin Laden in vollem Gange, Pakistan in wildem Aufruhr, seit Präsident Musharraf mit dem Westen gemeinsame Sache macht. Journalisten wie Danny und ich wollten darüber berichten, was in diesem Land los ist, was in den Köpfen von Leuten wie Sheikh und Gilani vorgeht und wohin das führen kann.
 
SPIEGEL: Sie wissen also, wer Ihren Mann in die Falle lockte, aber über den Rest gibt es nur Spekulationen?
Pearl: Ich weiß, dass Danny in einem Haus von vier Handlangern der Terroristen bewacht worden ist; sie alle sind wie Omar Sheikh in Haft. Ich weiß darüber hinaus, dass nicht allein Pakistaner in den Mord verwickelt sind. Ich weiß, dass es Anrufe aus Saudi-Arabien an die Entführer gegeben hat. Ich glaube auch, dass Chalid Mohammed, also im weiteren Sinn al-Qaida, die Befehle gegeben hat und dass es auch Chalid Mohammed war, der den Befehl zur Hinrichtung gab. Die ganze westliche Welt wusste vom Schicksal meines Mannes, das Medieninteresse an der Entführung und der Suche nach den Entführern war riesengroß, und genau aus diesem Grund erging der Auftrag, Danny zu töten. Sie wollten diese Aufmerksamkeit nutzen.
 
SPIEGEL: Danny Pearl wurde von Omar Sheikh entführt, dem Sohn eines pakistanischen Kaufmanns, er ist in London aufgewachsen, er hat an der London School of Economics studiert und ist mit dem Westen bestens vertraut. Er war bekannt dafür, dass er Ausländer entführt, um Lösegelder zu erpressen oder inhaftierte Gotteskrieger freizupressen. Wusste Ihr Mann, als er sich mit ihm verabredete, wen er vor sich haben würde?
 
Pearl: Nein, er glaubte, er trifft einen Schüler des Scheichs Gilani. Als solcher hatte sich Sheikh vorgestellt. Er bat Danny um eine Auswahl an Artikeln, die mein Mann als Südasien-Korrespondent des "Wall Street Journal" über Indien und Pakistan geschrieben hatte.
 
SPIEGEL: Aber Sheikh wusste, wer Daniel Pearl war.
Pearl: Sheikh wusste nicht nur, dass Danny für das "Wall Street Journal" schrieb. Er wusste, dass Danny Jude ist. Oder er wird es nach der Entführung rasch herausgefunden haben, Danny hatte seinen Palm Pilot bei sich.
 
SPIEGEL: Glauben Sie, Omar hatte es auf Ihren Mann speziell abgesehen? Und was wohl war entscheidend: dass er Amerikaner war oder Jude oder Korrespondent des "Wall Street Journal"?
Pearl: Es spricht einiges dafür, dass er sich vor allem für den Korrespondenten des "Wall Street Journal" interessierte. Einen Monat vor der Entführung hatten Reporter des "Journal" einen Computer mit 1700 Dateien über al-Qaida gefunden. Darin standen auch Einzelheiten über die Reisen des Schuhbombers Richard Reid durch halb Europa, ehe er im Dezember 2001 in Paris in das Flugzeug stieg, um es in die Luft zu jagen. Die Reporter informierten natürlich die Chefredaktion über ihren sensationellen Fund, und die entschloss sich, die Dateien der CIA zu übergeben. Das "Wall Street Journal" schrieb darüber - über den Fund und die Weitergabe an den Geheimdienst. Für Korrespondenten wie Danny hat das die Arbeit erschwert: Er musste seine Gesprächspartner im Dunstkreis des Terrorismus davon überzeugen, dass er ein Journalist ist und kein Spion.
 
SPIEGEL: Sie meinen, dass Ihr Mann entführt wurde, weil die CIA die Dateien zur Auswertung bekommen hat?
 
Pearl: Nein, aber ich würde schon gern genau wissen, ob die Terroristen davon wussten. Omar Sheikh ist ein gebildeter Mann - gut möglich, dass er davon gelesen hatte.
 
SPIEGEL: War Daniel ein Abenteurer?
 
Pearl: Er war nicht leichtsinnig, falls Sie das meinen, aber natürlich war er neugierig wie alle Journalisten. Wir haben, bevor wir nach Indien gingen, in Paris gelebt. Wir hatten eine wunderschöne Wohnung im 18. Arrondissement mit Blick auf den Eiffelturm, und wir hatten tolle Jobs. Ich habe fürs französische Fernsehen gearbeitet und er als Korrespondent für das "Wall Street Journal". Eines Tages saßen wir beisammen und sagten uns, lass uns weggehen, lass uns etwas Neues machen. Wir sind nach Bombay gezogen, in einen Alptraum von Stadt. Insoweit war er ein Abenteurer.
 
SPIEGEL: In Ihrem Buch erscheint er als Feingeist, vielleicht sogar als Idealist, der sich der Wirklichkeit Südasiens aussetzt.
Pearl: Nein, er war ein ernsthafter investigativer Reporter. Er war detailversessen und bereit, sehr viel auf sich zu nehmen für ein gutes Zitat. Er hatte ein hohes journalistisches Ethos, er war entschieden unabhängig, ihm ging es um die Wahrheit. Als ich ihn kennen lernte, war er der smarte, gute Schreiber des "Wall Street Journal". Als er mit dem Reisen begann, veränderte er sich und damit sein Blick auf die Welt. Ich glaube, er hat da die Kraft des Journalismus entdeckt, Brücken zu bauen zwischen den Kulturen.
 
SPIEGEL: Nach Karatschi reiste Ihr Mann, weil er eine Geschichte über den Schuhbomber Richard Reid schreiben wollte. Es ist eine höllische Stadt. Wie haben Sie sich auf die Gefahren eingestellt?
Pearl: Wir versuchten, die Gefahr so gut wie irgend möglich zu managen. Wir dachten, es sei am allerbesten, wenn wir so wenig wie möglich auffallen. Ich war im sechsten Monat schwanger. Wenn einer von uns unterwegs war, rief er den anderen mindestens alle anderthalb Stunden an und sagte ihm, wo er gerade war und wie lange er noch wegbleiben würde. Es herrschte Krieg, Qaida-Leute tauchten auf, in Karatschi lag eine ungeheure Leidenschaft in der Luft. Auch gab es diese wilden Gerüchte, Juden oder Amerikaner selbst hätten die Anschläge am 11. September ausgeführt. Die Welt um uns herum wurde immer verrückter. Umso mehr versuchten wir, uns umsichtig zu verhalten. Eigentlich wollten wir Karatschi am 24. Januar verlassen, einen Tag nach Dannys Verabredung im "Village Restaurant".
 
SPIEGEL: Wissen Sie, wann al-Qaida das Kommando bei der Entführung Ihres Mannes übernommen hat?
Pearl: Ich glaube, dass Sheikh die Operation ausgeheckt hat, aber seine Geisel gleich an al-Qaida übergab. Vermutlich nahm er Kontakt mit Chalid Mohammed auf oder irgendeinem anderen Mitglied von al-Qaida und erzählte ihm, dass er einen amerikanischen Journalisten in der Gewalt hielt. Wahrscheinlich wusste Sheikh zu diesem Zeitpunkt nicht, was mit Danny passieren würde. Die Leute von al-Qaida warteten eine Zeit lang ab, bis die Medien dem Fall größtmögliche Aufmerksamkeit schenkten. Dann töteten sie ihn, und zwar so, dass sie ein Maximum an Entsetzen auslösten.
 
SPIEGEL: Paradoxerweise ist Omar Sheikh ähnlich weltläufig und vielsprachig wie Sie, Ms. Pearl. Sie sind die Tochter kubanischholländischer Eltern; die jüdischen Eltern Ihres Mannes kommen aus Israel und dem Irak. Müssen wir gerade solche Leute wie Sheikh, die im Westen gelebt haben und den Westen kennen, am meisten fürchten?
 
Pearl: Wir wussten schon vorher, dass diese ungebildeten, bärtigen, jungen Leute in den Moscheen nur ausführende Organe des Terrorismus sind, die gar nicht wissen, worum es geht. Aber Sheikh kennt den Westen gut, es gibt viele, die uns schon lange gut kennen. Sheikh wollte mich übrigens persönlich treffen.
 
SPIEGEL: Er hat sich aus dem Gefängnis mit Ihnen in Verbindung gesetzt?
 
Pearl: Ja, als ich noch in Pakistan war. Ich habe gezögert und mich dann dagegen entschieden. Es war noch zu früh.
 
SPIEGEL: Wissen Sie, was er Ihnen sagen wollte?
Pearl: Er wollte sich entschuldigen. Zumindest ließ er mir das mitteilen. Man weiß nicht genau, wie hochgradig psychopathisch er ist. Er ist gerissen, er kalkuliert genau. Wenn man sich seine E-Mails an Danny durchliest, ist man völlig verblüfft, weil nichts in diesen Zeilen auf Gefahr hindeutet.
 
SPIEGEL: Omar Sheikh ist zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung ist jedoch schon mehrmals aufgeschoben worden. Wollen Sie, dass er getötet wird?
 
Pearl: Ich bin für seine Hinrichtung, weil er den Tod verdient. Für mich persönlich erwarte ich davon nichts, weder Erleichterung noch innere Ruhe. Aber ich sehe keinen Grund, ihm zu vergeben. Omar Sheikh ist überzeugt davon, dass jemand wie er in Pakistan niemals exekutiert werden wird. Ich habe einen Brief an Präsident Musharraf geschrieben, ich habe ihn gebeten, Sheikh hinrichten zu lassen. Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass ich jemals solch einen Brief schreiben würde.
 
SPIEGEL: Sie sind während der Gefangenschaft Ihres Mannes vom damaligen pakistanischen Innenminister Moinuddin Haider empfangen worden. Wie kam es dazu?
Pearl: Ich wollte seine Hilfe. Wie Sie sich denken können, war unser Gespräch ziemlich unentspannt. Er hatte sich wohl vom Geheimdienst ISI berichten lassen und war der Meinung, dass dieser Daniel Pearl, dieser Jude, blöd genug gewesen war, sich mit einer terroristischen Organisation einzulassen. Während des Krieges in Afghanistan hielten sich 3000 Journalisten in Pakistan auf, und niemand war bisher entführt worden. Und jetzt hatte die pakistanische Regierung ein Problem, zumal der Präsident nach Washington reisen wollte. Haider war also stocksauer. Aber er war auch ein Opfer des Terrorismus, er hatte gerade einen Bruder bei einem Anschlag verloren. Am Ende hat er mir geglaubt und nicht seinem Geheimdienst, jedenfalls hatte ich den Eindruck.
 
SPIEGEL: Die Rolle des Geheimdienstes ISI bleibt mysteriös. Er hat sich oft terroristischer Organisationen bedient, er hätte am ehesten herausfinden können, wo Ihr Mann gefangen gehalten wird.
 
Pearl: Ein paar Wochen vor der Entführung hatte Musharraf den ISI-Chef abgesetzt, aber jeder in Pakistan wusste, das ändert nichts. Deshalb war ich mir nicht sicher, überhaupt den ISI um Hilfe zu bitten. Wir haben es dann versucht, der ISI-Chef von Karatschi schickte uns einen Gehilfen, der saß nur da und hörte zu. Ein schlechter Scherz. Wir haben ihn rausgeschmissen.
 
SPIEGEL: Sie haben auch Präsident Musharraf getroffen, bevor er nach Washington flog.
 
Pearl: Auch er glaubte, Danny sei zu weit gegangen. Das habe nichts mit Journalismus zu tun. Vermutlich hegte er den Verdacht, dass Danny sogar ein Spion gewesen sei. Pakistan kennt keinen investigativen Journalismus. Und auf einmal tauchten diese Leute im Land auf, die ganz selbstverständlich viel weiter gingen als je ein pakistanischer Journalist gegangen war. Leute, die herausfinden wollten, was es wirklich auf sich hat mit den Taliban, der Qaida und den Atomwaffen Pakistans.
 
SPIEGEL: Was haben Sie aus dem Leiden Ihres Mannes gelernt? Ist Journalismus in Zeiten des Terrorismus und in Ländern wie Pakistan nur begrenzt möglich?
 
Pearl: Nein, ich habe die Ideen und Werte, die Danny und ich teilten, nicht preisgegeben. Wir wollten nach Bombay, nach Karatschi gehen, um von dort zu berichten. Ich bedaure es heute nicht, wir haben das Richtige getan. Wenn ich den Glauben daran verloren hätte, würde ich nicht mehr leben.
 
SPIEGEL: Im Buch erzählen Sie von Ihren Gedanken an Selbstmord.
 
Pearl: Wissen Sie, man kommt da an einen Punkt, an dem man die Angst vor dem Tod verliert. In dem Moment, als ich über Selbstmord nachdachte, war ich ganz ruhig. Ich konnte mich ganz bewusst entscheiden, ob ich weiterleben wollte oder nicht.
 
SPIEGEL: Sie waren schwanger, und das war auch eine Antwort auf die Frage nach Leben oder Tod.
 
Pearl: Ja. Ich fühlte mich in all den Tagen der Entführung Danny sehr nahe. Ich habe gebetet und Danny immer sofort erreicht. Ich wusste, was er fühlte. Ich habe gebetet, dass er sich nicht schuldig fühlt, weil er zum Treffen ins Restaurant gegangen war. Ich war bei ihm.
 
SPIEGEL: Im Buch schreiben Sie mit großer Bestimmtheit, Ihr Mann habe nicht gewusst, dass er sterben würde. Warum?
 
Pearl: Na ja, über die Tage seiner Entführung weiß ich natürlich viel durch die Ermittlungen der Polizei und die Aussagen im Prozess. Das andere, das habe ich gespürt. Er konnte sich nicht mit seinen Wächtern verständigen, aber sie müssen harmlos auf ihn gewirkt haben. Jungs von der Straße, keine 30 Jahre alt, ungebildet, fromm. Danny wusste nicht, was vor sich ging, er versuchte sich unter Kontrolle zu halten, damit Wut und Hilflosigkeit ihn nicht überwältigen. Er ging jedoch nicht davon aus, dass ihm der Tod drohte. Er hat versucht zu fliehen, er wollte sich durch einen Schacht in der Toilette zwängen. Sie haben ihn deshalb an einen Automotor gekettet. Sie haben ihn aber nicht gefoltert und auch nicht geschlagen. Erst am letzten Tag seines Lebens fiel ihn der Gedanke an, dass er wirklich in Gefahr schwebte. Das war, als die drei Araber auftauchten. Und selbst in diesem Augenblick muss er noch gehofft haben, sie werden ihn lediglich einem neuen Verhör unterziehen, denn sie haben ihm nicht gesagt, was sie ihm antun wollen. Die drei waren ja auch die Ersten, mit denen er sich unterhalten konnte. Ich denke mir, er war ein bisschen unruhig und wütend, aber sie sagten ihm: kein Grund zur Aufregung. Und dann lief die Videokamera, und gleich darauf, mitten in diesem Verhör, verbanden sie ihm die Augen, holten sie ihre Messer heraus, und da erst wusste Danny, was gleich passiert. Dieses Video existiert, aber ich will es mir nicht ansehen.
 
SPIEGEL: George W. Bush hat Sie im Weißen Haus empfangen und Ihnen die Frage gestellt, weshalb Sie eigentlich nicht verbittert seien. Was haben Sie ihm geantwortet?
 
Pearl: Es war seine erste Frage, und er hat mich damit sehr beeindruckt. Ich habe ihm gesagt, Bitternis sei ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann. Ich würde meine Seele verlieren, und wenn ich meine Seele verliere, würde ich auch Danny in mir verlieren. Es war eine seltsame Begegnung, Condoleezza Rice war dabei, Donald Rumsfeld auch. Sie wussten, dass ich nicht gekommen war, um Kondolenzen entgegenzunehmen. Ich habe ihnen vom Chef der Anti-Terror-Einheit in Karatschi erzählt, er ist Muslim. Ich nenne ihn immer nur "den Captain". Er hat die Untersuchung geführt. Ein sehr beeindruckender Mann. Mit ihm stehe ich noch heute in Kontakt.
 
SPIEGEL: Hollywood hat sich die Filmrechte an Ihrem Buch gesichert. Warum haben Sie zugestimmt?
 
Pearl: Zuerst war ich ganz und gar dagegen. Dann habe ich mich lange mit Brad Pitt unterhalten, der mit seiner Frau eine Produktionsfirma besitzt, die das Projekt vorantreiben möchte. Er und Jennifer Aniston sind ein junges Paar wie Danny und ich, sie sind sehr verliebt, und sie wollen ein Kind haben. Also haben sie und wir etwas gemeinsam.
 
SPIEGEL: Sie haben Einfluss auf das Drehbuch?
 
Pearl: Darauf bestehe ich vertraglich.
 
SPIEGEL: Wer schwebt Ihnen neben Ihrem Mann als Held der Tragödie vor?
 
Pearl: Natürlich der Captain der pakistanischen Anti-Terror-Einheit, er hat viel riskiert. Er hat alles getan, was in seiner Macht stand. Er hat vier Kinder, und jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, weiß er nicht, ob er sie noch einmal sehen wird. Wir brauchen Leute wie diesen Captain. Je mehr es von ihnen gibt, desto besser für die Welt. Der Captain ist eine Brücke zwischen den Kulturen. Die Aussicht auf einen Film, in dem eine Figur wie der Captain im Zentrum steht, hat für mich den Ausschlag gegeben.
 
SPIEGEL: Und Sie selbst, werden Sie wieder fürs französische Fernsehen arbeiten?
 
Pearl: Ich bleibe in New York und werde hoffentlich irgendwann Dokumentationen oder Filme drehen.
 
SPIEGEL: Ms. Pearl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
 
Mariane Pearlist die Witwe des "Wall Street Journal"-Korrespondenten Daniel Pearl. Im Januar 2002 reisten die beiden Journalisten nach Karatschi, um eine Geschichte über den britischen Schuhbomber Richard Reid zu recherchieren. Ihr Mann wurde jedoch in eine Falle gelockt, entführt und vermutlich am 1. Februar umgebracht. Vergebens hatten die amerikanische und die pakistanische Regierung an die Entführer appelliert. Mariane Pearl, 38, die damals hochschwanger war, flehte im Fernsehen die Terroristen an, im Kampf gegen den Westen nicht ausgerechnet einen Journalisten wie ihren Mann zu töten. Am 21. Februar tauchte ein Video von der Hinrichtung auf, Wochen später fand sich seine zerstückelte Leiche. Ihr Buch "Ein mutiges Herz" über die Tragödie in Karatschi ist gerade im Scherz Verlag (320 Seiten; 19,90 Euro) erschienen.